Alternativen für die Zentral- und Landesbibliothek entwickeln

Wenn das ThF-Gesetz in Kraft tritt, wird die Zentral- und Landesbibliothek nicht auf dem Tempelhofer Feld gebaut werden. Das ist gut so, weil dieses Bauvorhaben in der Stadt umstritten ist und noch eines stadtweiten Dialogs bedarf. Alternative Standorte sind noch nicht genügend geprüft.

Die Amerika-Gedenkbibliothek könnte beispielsweise zur Zentral- und Landesbibliothek ausgebaut werden. Das Sterben der Berliner Bezirksbibliotheken gehört ebenfalls mit in diese Debatte!

Die Standortdiskussion für die ZLB

Bei der gegenwärteigen Standortdiskussion für den Bau einer neuen Zentral- und Landesbibliothek, dessen Notwendigkeit ausdrücklich nicht angezweifelt wird, haben wir uns auf die Standorte beschränkt, die in den letzten Monaten eher häufig diskutiert worden sind. Es gibt darüber hinaus andere, die entweder nicht bekannt geworden sind oder in der Frühphase der Auswahl bereits verworfen worden waren. Hinsichtlich der offiziellen Auswahlkriterien ergeben sich unterschiedliche Prioritäten der einzelnen Standorte.

Nur eine Standort fällt deutlich heraus, da er wirklich gar keine Vorteile gegenüber den anderen Standorten besitzt: Das Tempelhofer Flughafengelände am Tempelhofer Damm. <HP>

Historie

Historie

Die Initiative "100% Tempelhofer Feld" wendet sich gegen den Bau der neuen Zentral- und Landesbibliothek (im weiteren ZLB genannt) auf dem Tempelhofer Feld!

Seit 1990 besaß das Land Berlin - wie in anderen Bereichen auch - eine Doppelstruktur im Bereich seiner Bibliotheken, nämlich die Berliner Stadtbibliothek in Mitte sowie die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz im Westteil der Stadt. Die Stadtbibliothek "West", die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) auf dem Blücherplatz, wurde 1954 als Geschenk der USA an die Bürger Westberlins eröffnet. Diese Bibliothek galt damals als richtungsweisende Art einer hochfrequentierten Publikumsbibliothek mit von Beginn an hohen Besucherzahlen. Sie stand in der Tradition ähnlicher Institutionen, die in den Dekaden zuvor in den USA entstanden waren. Schon 1988 wurde eine Vergrößerung nach den Plänen des amerikanischen Architekten Steven Holl auf dem Blücherplatz erwogen. Diese wurden aber Anfang der 90er Jahre verworfen, vor allem auch aus finanziellen Gründen. Die Stadtbibliothek "Ost" - 1901 gegründet als Berliner Stadtbibliothek nach entsprechendem Magistratsbeschluß - befindet sich schon seit 1920 im ehemaligen königlichen Marstall in der Breiten Straße. Nach den kriegsbedingten Zerstörungen wurde ein Nachfolgebau im Jahr 1966 am historischen Ort eröffnet. Zusätzlich verfügt Berlin über eine "Senatsbibliothek" mit der Betonung auf Berlinalia aller Art. In diese Bibliothek ist ein bedeutendes Bibliotheksbauarchiv integriert Diese befindet sich seit 2005 ebenfalls in der Breiten Str. Ein weiterer Standort der ZLB befindet sich derzeit als Magazin am Westhafen.

Im Jahr 1995 wurden beide Institutionen in der rechtlichen Form einer Stiftung zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin zusammengeschlossen.Damit begann ein letztlich erfolgreiches Zusammenwachsen der beiden Einrichtungen, die bibliothekskonzeptionell und historisch sehr unterschiedlich ausgerichtet waren.

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Ja zur neuen ZLB

Alle Gebäude der Zentral- und Landesbibliothek befinden sich in einem teilweise desaströsen Zustand.

Diese Mängel betreffen die komplette Bausubstanz: Keller und Fundamente sowie die Dächer, Brandschutz; Klima-und Sanitäranlagen sowie die Fußböden sind  nicht mehr in akzeptablem Zustand.  Diese Mängel sind nicht nur die Folge permanenter Unterfinanzierung, sondern sind auch dem Alter und den riesigen Besucherzahlen geschuldet. Die räumliche Enge führt zu beachtlichen Belastungen der Beschäftigten und sind kaum noch zumutbar. Die Aufteilung auf drei Standorte führt zu teilweise langen Wartezeiten bei der Bereitstellung der Bücher infolge langer Abläufe, hier besonders bei der Beschaffung aus dem Magazin am Westhafen.

Auch die technische Ausrüstung befindet sich nicht mehr auf dem heutigen Stand des Bibliothekswesens. - Die Zahl computerisierter Einzelarbeitsplätze ist mangels Platz nicht mehr zu erhöhen. Die anhaltend hohen Besucherzahlen sind unter den derzeitigen räumlichen Bedingungen kaum zu bewältigen. An eine weitere Steigerung ist bei der derzeit hohen Attraktivität öffentlicher Bibliotheken gar nicht zu denken. Der Neubau einer Zentralen Landesbibliothek - im Senatsdeutsch als "Metropolenbibliothek" bezeichnet - ist also zweifellos notwendig. Die Bestände müssen an einem Ort zusammengeführt werden, die Flächen für Lesesäle und Freihandbereitstellung müssen erheblich vergrößert werden. Die Magazine und deren Technik verlangen nach dem neuesten Stand. Die Computerisierung des neuen Hauses muß vor allem auch zu einer deutlich größeren Zahl entsprechender Arbeitsplätzen führen. 

Vielleicht führt ja auch die zukünftige "Bespielung" eines neuen Hauses zu dem, was in der Diskussion als ein "Kulturzentrum mit integrierter ZLB"bezeichnet wird.

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Wowereits Wunsch: Eine Zentral- und Landesbibliothek

Koalition will Wowereits Wunsch folgen: ZLB aufs Tempelhofer Feld

Verdienstvollerweise hat der Senat auf diese unhaltbare bauliche Situation mit dem Beschluß zu einem Neubau einer ZLB reagiert, nachdem zuvor ein "Masterplan-Papier" erstellt sowie eine Raumbedarfsplanung durchgeführt worden waren. Letzteres Verfahren ergab einen Raumbedarf von 67.000 qm. Hiervon entfallen auf die Publikumsflächen 41.000 qm, 15.000qm auf die Magazinflächen sowie 11.000 qm für technische Hintergrundstrukturen. Diese Zahlen, besonders der immense Bedarf an Publikumsflächen, sind niemals öffentlich begründet worden.Es ist wohl zu vermuten, daß dieses auch "politische" Zahlen sind.

Im Jahr 2008 wurde dann mit der Standortsuche begonnen. Nach Abstimmung mit der Senatskulturverwaltung wurden vier Neubaustandorte und das verkehrstechnisch sehr gut angebundene Areal um die Amerika-Gedenkbibliothek in die engere Auswahl genommen. Der Regierende Bürgermeister Wowereit jedoch brachte einen völlig neuen, bis zu jenem Zeitpunkt nicht geprüften Standort in die Diskussion: Das südwestliche Tempelhofer Flughafengelände am Tempelhofer Damm. Offensichtlich war von Anfang daran gedacht, den Neubau der ZLB an diesem Standort als "Impulsinvestition" für die weitere Entwicklung des gesamten Tempelhofer Feldes zu betrachten. Obendrein wurde dieser Standort sehr bald als alternativlos bezeichnet. Öffentlich sind die anderen Standorte nie diskutiert worden. Die Ergebnisse einer Ende 2011 erstellten vergleichenden Untersuchung der möglichen Standorte, die durch den SenStadtUm erfolgte, sind nie veröffentlicht worden. Im Koalitionsvertrag heißt es dazu, die neue ZLB werde auf dem Tempelhofer Feld gebaut, weil dort die Errichtung am billigsten sei. Nach Außen erscheint es so, dass die Fraktionen von SPD und CDU rückhaltlos hinter dieser Entscheidung stehen. Bei diesem Entschluss wurde völlig ignoriert, dass sich bereits im Jahr 2009 2/3 der THF-Schöneberger Bürgern in einem Entscheid gegen jede Bebauung des ehemaligen Flughafengeländes ausgesprochen hatten.

Von Beginn an wurde mit Kosten von 270 Millionen Euro operiert. Es ist in der Öffentlichkeit nie dargestellt worden, unter welchen Voraussetzungen diese Summe zustande gekommen ist. Eine präzise Finanzierung ist ebenfalls nie präsentiert worden. Von einer Exitstrategie sowie alternativen Kostenplanungen in Abhängigkeit möglicher anderer Standorte ist ebenfalls nichts bekannt. Dieses Vorgehen verwundert in Zeiten knapper öffentlicher Kassen um so mehr, als sich das Land Berlin in Zukunft sehr viel mehr als bisher auf knappes öffentliches Geld einzustellen hat. Die Wirtschaftsentwicklung der nächsten Jahre ist heute seriös kaum vorherzusagen, das betrifft dann auch das Steueraufkommen. Hinzu kommen die mögliche Neuverhandlung des Länderfinanzausgleichs sowie die aktuell nicht überschaubaren Auswirkungen einer gesetzlich festgelegten Schuldenobergrenze für Bund, Länder und Kommunen . Und eine gesamtstaatliche Alimentierung der Hauptstadt a la "Washington D.C." ist bei den historisch bedingten föderalistischen Animositäten nicht vorstellbar.

Die bisher bekannten Pläne des Senats enthalten noch einen schwerwiegenden Mangel: Nirgendwo wird ein dringend erforderlicher Bibliotheksentwicklungsplan erwähnt. Zur Eröffnung einer neuen zentralen Landesbibliothek muß ein für die ganze Stadt verbindlicher Plan aufgestellt sein, der das Verhältnis aller (auch weiterhin dringend notwendiger) Stadtteilbibliotheken zur Zentrale definiert. Hierzu haben die Verantwortlichen bisher gar nichts verlautbaren lassen. Zumindest hätte man das von der derzeitigen Direktorin der Landesbibliothek erwarten können.

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Wowereits Traum: Ein Einkaufszentrum mit Buchausleihe

Von allen möglichen Standorten für eine neue ZLB ist der Standort am Tempelhofer Damm völlig inakzeptabel.

Der Senat von Berlin hat sich in einer völlig intransparenten, bisher öffentlich nicht begründeten Entscheidung für diesen Standort in der Südwest-Ecke des Tempelhofer Feldes entschieden. Obendrein stellt er diesen Standort als angeblich alternativlos dar. Unzulässigerweise wird in der Folge der Eindruck zu erwecken versucht, daß mit der Entscheidung zu diesem Standort das politische Wohl und Wehe der Koalitionsregierung und auch des Regierenden Bürgermeister verknüpft sei. Der Senat resp. der Reg. Bürgermeister Wowereit waren in Ihrer Entscheidung offensichtlich davon geleitet, daß an dieser Stelle ein "Impuls"-Bau entstehen solle, um so eine angebliche innerstädtische Brache für die weitere Entwicklung aufzuwerten. Stichwort: Randbebauung in vier großen, unterschiedlich definierten Baufeldern.

Dieser angenommene Standort befindet sich heute in einer abseitigen städtischen Lage fernab des tatsächlichen Stadtzentrums. In seiner Erreichbarkeit hat er keinerlei Vorteile gegenüber anderen Standorten in einer Stadt wie Berlin mit seinem sehr dichten Netz des ÖPNV. Der Hinweis auch auf den Stadtring dürfte sich schon sehr bald als obsolet erweisen: Das Auto als individuelles Transportmittel in maximal verdichteten Metropolenregionen kommt sehr bald an sein Ende.

Ein Bau auf dem Tempelhofer Feld führt zu einer großflächigen Versiegelung bisheriger Grünflächen in einem Gebiet, daß aus klimatologischen Gründen äußerst wertvoll ist: Die vorgesehene Region ist das Einfallstor der hierzulande vorherrschenden Westwinde, die dann zur Abkühlung des Feldes selbst und der angrenzenden Stadtbezirke, hier vor allem Neuköllns, führen. Die SW-Ecke ist außerdem ein Gebiet hochempfindlicher Flurwinde, deren Fernwirkung ebenfalls weit über das Areal hinausreicht. 

Völlig undurchschaubar sind zum jetzigen Zeitpunkt die Kostenkalkulation einerseits, ein mögliches Finanzierungskonzept andererseits. Aus den veröffentlichen Kosten von angeblich 270 Millionen Euro ist nicht erkennbar, welche Kosten das Gebäude selbst verursacht und welche der Erschließung anzulasten wären. Letztere wären erheblich. Zu nennen sind Herrichtung des Baugeländes bei vorhandenen unterirdischen Verkehrsanlagen, Verlängerung resp. Verlegung des S-Bahnhofes Tempelhofer Damm nach Osten, Erschließungsstraße bei Bau weit nach Osten auf dem Feld.

Was tun? Soll man so verfahren wie beim BER, wo das Terminal nachträglich - und auf Kosten der Abfertigungskapazitäten - zum Shopping-Center ausgebaut wurde mit Boutiquen, Restaurants und Cafes, um die Passagiere nach dem Abfertigen noch abzukassiern?  Offensichtlich lautet die Antwort "Ja": Die verheerenden Folgen dieser Entscheidung für das Baustellenmanagement und und die weitere Kostenexplosion sind dabei offensichtlich ins Unterbewußtsein der Führungsriege verdrängt worden und tauchen nun als "Wiederholungszwang" (Siegmund Freud) im Bewußsein erneut auf:

Einkaufcenter "Wowi"

Soeben startete der Senat unter der Führung des ehem. Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft Wowereit den Wettbewerb für eine "neue" ZLB: Die ZLB ist mit 67.000 qm Bruttogeschoßfläche nach Meinung von Kennern um mehr als 50.000 qm zu groß und wird darum als Cafeteria mit Buchausleihe belächelt. Und wenn das Geld ausgeht? Was dann? Intime Kenner des Berliner Klüngels vermuten hier realistischer das Heranwachsen eines neuen Einkaufszentrums am S-Bahnring mit Cafeteria und Buchausleihe: Als Investor käme erneut die ECE in Frage, diesmal nicht mit einem Einkaufscentrum mit Bahnanschluss, sondern mit einem Shopping-Center mit Buchausleihe.  Das alles wäre sehr zum Verdruss der CDU im Bezirk Tempelhof/Schöneberg, die sich dann – zu Recht - um die Existenz des mittelständischen Einzelhandels in Tempelhof sorgen würde. Ein Grund, weshalb sich die CDU bei diesem Thema noch bedeckt hält.

Kann die Bibliothek ins Flughafengebäude?

Unter den vielen möglichen Nachnutzungen dieses riesigen Gebäudekomplexes mit 300.000qm Brutto-Geschoß-Fläche ist der "Einbau" einer großen Bibliothek sicherlich eine große technische Herausforderung. Technisch ist sie heute unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Auflagen machbar. Für diesen Standort spricht besonders das Prinzip einer sinnvollen Nachnutzung eines "XXL-Gebäudes" vor der Versiegelung weiterer Flächen. Siehe Flughafengelände Tempelhofer Damm. 

Als ein "Entree" in der besonderen Art einer Piazza mit vielfältiger, kleinteiliger Nutzung ist die heutige Vorfahrt vor dem Hauptgebäude mit seinem arkadenartigen Umgang nahezu perfekt geeignet.

Die Eingangshalle wird zu einem  Lesesaal umgebaut. Allerdings wird der Zutritt an das Kopfende in Richtung Flugfeld verlegt werden müssen. Buchausleihen werden rechts und links auf gleicher Ebene und im ersten Stock angesiedelt.

Die weitläufigen Trakte der Gesamtanlage erlauben die Herrichtung sehr vieler computerisierter Arbeitsplätze.

Die Magazinbauten können in die zentralen Hangars "eingehängt" werden, vorstellbar sind aber auch deren Neubau im Bereich der ehemaligen Post- und Frachtflächen jeweils rechts und links der Haupthalle.  Alternativ ist auch eine Verwendung der Kellergeschosse zu prüfen. Gerade die moderne Stahlbaukonstruktion mit voll integrierten Versorgungsebenen und -schächten erlaubt eine Aufrüstung des Gebäudes nach modernsten Erfordernissen.

Notwendig ist allerdings ein ganz neues "Wegekonzept" im Gebäude (siehe auch Bemerkung zum Zutritt in den zentralen Lesesaal), sodaß die große Zahl der Besucher sinnvoll durch das Gebäude geleitet werden kann.

An dieser Stelle müssen auch noch andere Angebote genannt werden, die heute die Attraktivität einer Bibliothek über den reinen Buchverleih hinaus steigern. Und hierher gehört auch die Überlegung, sich die zukünftige ZLB im Sinne eines "Kulturzentrums" vorzustellen. Gerade in diesem Gebäude sind über den Bedarf der ZLB hinaus vielfältige andere Nutzungen denkbar , die dann dieses Konzept realisierbar erscheinen lassen.

An diesem Standort ist allerdings die Kostenverteilung zu hinterfragen: Es ist schlechterdings nicht möglich,mit den Unterhaltskosten der "Hülle" Flughafengebäude den Etat der ZLB zu belasten. Das betrifft besonders die Kosten für den Erhalt der Dächer und der Keller resp. der Fundamente.  <HP>

Alternativer Standort am Blücherplatz?

Der Blücherplatz ist der seit 1954 angestammte Platz der Amerika-Gedenk-Bibliothek. Das Areal wird von der Uferstraße entlang des Landwehrkanals, der Zossener Str., der Blücherstr. und einer Stichstraße zum Haupteingang der AGB begrenzt. 

Dieser Standort ist ebenfalls mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen und befindet sich inmitten dicht besiedelter Wohnbezirke. Per pedes oder Fahrrad ist er sehr gut zu erreichen. An diesem Ort war bereits 1988 eine Erweiterung nach Plänen Steven Holls erwogen worden: Das Gebäude war schon damals bei den immensen Besucherzahlen zu klein geworden, eine sinnvolle Aufbewahrung der ständig steigenden Bestände nicht mehr möglich.

Das oben beschriebene Gelände bietet in östlicher Richtung auf die Heiligkreuz-Kirche zu eine genügend große Freifläche, um das bisherige Gebäude nötigenfalls auch mit mehreren Baukörpern zu ergänzen. Allerdings muss das vorhandene Gebäude dann "angepasst" werden, der ungefähre Sanierungsbedarf ist hier allerdings nicht zu beziffern.

Der Senat plant allerdings ganz Anderes: Neubau auf dem Tempelhofer Feld, das Gebäude wird dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zur weiteren Verwendung als Stadtteilbibliothek überlassen. Das dürfte dann allerdings das Ende des denkmalgeschützten Gebäudes sein: Schon bei heute prekärer Haushaltslage der Bezirke wäre ein weiterer Unterhalt , geschweige denn eine Sanierung nicht machbar. 

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Stellungnahme des Rates für Stadtentwicklung

Stellungnahme des Rates für Stadtentwicklung

Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure, Landesverband Berlin Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Lg. Berlin Brandenburg Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung Architekten- und Ingenieur- Verein zu Berlin Akademie der Künste, Sektion Baukunst Bund Deutscher Architekten Berlin Deutscher Werkbund Berlin Architekten für Architekten Architektenkammer Berlin

Vorsitz 2012: BDLA c/o TOPOS | Badensche Str. 29, 10715 Berlin Tel: 030 / 864 90 422 | Fax: 030 / 864 90 413 email: mail@topos-planung.de Ansprechpartner: Dipl.-Ing. S.Buddatsch Rat für Stadtentwicklung

 

Stellungnahme des Rates für Stadtentwicklung zum geplanten Neubau der ZLB

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) verdient mehr Aufmerksamkeit Der Rat für Stadtentwicklung erhielt am 22. Februar 2012 eine Einladung zum "Runden Tisch Prozessgestaltung Zentral- und Landesbibliothek Berlin", zu der er wie folgt Stellung nehmen möchte:

Der Titel der Veranstaltung suggeriert, es handele sich um eine ergebnisoffene Prozessgestaltung zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin, zu der man gerne den Rat von Fachleuten einholt. Leider wurden die geladenen Teilnehmer des ?Runden Tisches? stattdessen darüber informiert, dass es einen Senatsbeschluss für den Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek Berlin gäbe und ein städtebauliches Gutachten zum gesetzten Standort Tempelhofer Feld an das Büro ASTOC Architekten und Stadtplaner in Auftrag gegeben wurde. Die Unterbringung der Bibliothek im Gebäude des ehemaligen Flughafens sei von der Senatsverwaltung im Rahmen einer Machbarkeitsstudie geprüft worden. Dies ergab, dass die geplante Nutzung nicht in dem Gebäude unterzubringen sei. Zudem wird die mögliche Umnutzung vom Nutzer nicht gewünscht. Aus diesem Grund ist eine weitere Diskussionen grundsätzlicher Art nicht mehr nötig bzw. möglich. Der Zeitplan für den Neubau dränge, Baufertigstellung der ZLB solle nach politischem Beschluss 2016 sein.

Der Rat für Stadtentwicklung fordert mehr Zeit und gründlichere Analysen zum geplanten Standort und der dortigen Verkehrssituation, bevor eine Entscheidung für die ZLB in dieser Lage getroffen wird. Ferner sind zeitgleich Nachnutzungskonzepte für die jetzigen Standorte der denkmalgeschützten Amerika-Gedenk-Bibliothek in Kreuzberg, sowie für das Stadtbibliothek- Ensemble an der Breiten Strasse in Mitte zu erarbeiten.

Nachhaltiges Planen und Bauen - insbesondere bei Großbauvorhaben wie der ZLB

Die große Freifläche mitten in hoch verdichteten Innenstadtquartieren stellt für die Bürger aus Erholungs- wie stadtklimatischen Gründen einen hohen Wert dar. Angesichts zahlreicher anderer Brachflächen im Stadtgefüge von Berlin ist zunächst kein zwingender Grund erkennbar, die wertvolle Freifläche des Tempelhofer Feldes zugunsten von Bebauung aufzugeben. Die im Südwesten des Flugfeldes geplante Zentrale Landes-Bibliothek (ZLB) könnte an anderen, zentraleren Standorten mit stärkerem Bezug zum vorhandenen Flughafengebäude wesentlich besser verträglich und zu erreichen sein.

Voraussetzung für jede verantwortungsvolle bzw. zukunftsweisende Planung wäre ein tragfähiges und realistisches Konzept für die Nachnutzung der ehemaligen Flughafenanlage, das sowohl die stadträumliche Sperrwirkung des Gebäuderiegels überwindet, als auch die Landebahnschneise für Sonderflüge auf jeden Fall freihält und damit keine zukünftigen Chancen für flugaffine Nutzungen verbaut. Vor der Fixierung von größeren Neubaumaßnahmen ?auf der grünen Wiese? müssten zunächst - auf der Basis eines zeithistorisch fundierten Denkmalschutzkonzepts - die baulichen Potentiale des bestehenden Gebäudes sinnvoll genutzt werden, da sonst die Zementierung als ungenutzte, aber kostenintensive Bauruine droht.

Der Rat für Stadtentwicklung fordert aus Gründen der Nachhaltigkeit, wie der gesteuerten Stadtentwicklung, dass das Leitbild "Umnutzung vor Neubau" gelten muss. Bei der Nachnutzung der ehemaligen Flughafenanlage in Tempelhof ebenso, wie an den Standorten der Amerika-Gedenk- Bibliothek in Kreuzberg und des Stadtbibliothek-Ensembles an der Breiten Strasse in Mitte.

Berlin, 16.4.2012

Fazit

Fazit

Bei der vorliegenden Standortdiskussion für den Bau einer neuen Zentral- und Landesbibliothek, dessen Notwendigkeit ausdrücklich nicht angezweifelt wird, haben wir uns auf die Standorte beschränkt, die in den letzten Monaten eher häufig diskutiert worden sind. Es gibt darüber hinaus andere, die entweder nicht bekannt geworden sind oder in der Frühphase der Auswahl bereits verworfen worden waren. Hinsichtlich der offiziellen Auswahlkriterien ergeben sich unterschiedliche Prioritäten der einzelnen Standorte.

Nur einer fällt deutlich heraus, da er wirklich gar keine Vorteile gegenüber den anderen Standorten besitzt: Das Tempelhofer Flughafengelände am Tempelhofer Damm. Zentralität und Urbanität fehlen ihm vollständig. Die Anbindung an den ÖPNV ist bei den diesbezüglichen Berliner Verhältnissen. kein Argument. In der offiziellen Standortsuche wurden weitere "Standort- und Umfeldparameter" öffentlich nicht genannt.  Bisher gilt, daß ein einziges Gutachten, dessen Inhalt nicht bekannt ist, und eine Koalitionsvereinbarung für diese höchst zweifelhafte Standortauswahl genügen sollen! Zudem stünde das Gebäude in einer wichtigen Kaltluftaustauschbahn. Schon aus diesem Grunde ist dieser Standort abzulehnen.

Für das Flughafengebäude Tempelhof spricht vor allem das Prinzip "Nachnutzung vor neuer Fächenversiegelung". Das riesige Gebäude bietet darüber hinaus die Möglichkeit, an einem historisch bedeutenden Platz in der Stadt das Konzept Zentral- und Landesbibliothek zu einem "Kulturzentrum" zu erweitern. Außerdem besteht hier ein Raumangebot, das die Ansiedlung bibliotheksnaher Arbeitsplätze nahe legt. Die umfassende Nachnutzung dieses "XXL"-Gebäudes ist sehr wohl auch als Bewahrung eines historischen Erbes aufzufassen.

Der Blücherplatz ist immer noch ein excellenter Standort, auch für eine deutlich vergrößerte "Metropolen-Bibliothek" bietet er hervorragende Argumente. Es ist ein mittlerweile traditioneller, sehr gut angenommener Bibliotheksplatz.

Als attraktiver Alternativstandort für die Ansiedlung der neuen ZLB muss ebenfalls die Mitte der Stadt gelten, und hier das Marx-Engels-Forum! Nachteil: Statt Gebäude umzunutzen, müsste hier ein kompletter Neubau errichtet werden. Allerdings besticht der zentrale Standort mit seiner Lage zu den den großen Museen, zur Humboldt Universität mit seinen Fakultäten und den dazugehörigen Wissenschaftsbibliotheken. Nicht zu vergessen ist die nahe Staatsbibliothek Unter den Linden. Besonders hier ist ein über die reine Bibliotheksfunktion hinausgehendes "Kulturzentrum" vorstellbar. Ein weitergehendes Konzept ist : Das Land Berlin zieht sich aus jeder Mitfinanzierung des Humboldt-Forums zurück und verzichtet auf 4000 qm Ausstellungsfläche. Das Geld wird stattdessen in den Bau der ZLB investiert: Hier werden Ausstellungsflächen für die umfassenden und sehr wertvollen Berlinalia der Bibliothek mitgeplant.

Das Fazit: In einem undurchsichtigen Verfahren, das obendrein jeder Planungskultur entbehrt, ist mit dem Standort "Tempelhofer Damm" die definitiv falsche, weil städtebaulich schlechteste undwirtschaftlich unsinnigste, Entscheidung getroffen worden.

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Nachlese

Nachlese zur öffentlichen Diskussion am 28. Februar 2012 im Tempelhofer Flughafengebäude zum Standort der neuen Zentral - und Landesbibliothek:

Es gab viele Fragen, aber keine oder nur ungenügende Antworten! Dabei saßen auf dem Podium nur Befürworter eines einzigen Standortes, nämlich des südwestlichen Tempelhofer Feldes. Alle Antworten auf die Fragen zum Standortauswahlverfahren blieben merkwürdig vage und nichtssagend:

In die engere Auswahl war der jetzige Standort ja primär gar nicht gekommen. Erst eine Intervention des regierenden Bürgermeisters Wowereit hatte die Kommissionsmitglieder darauf gebracht. Wurde damals dann im Nachgang ein Gefälligkeitsgutachten erstellt? Die Vergleichsstudie zu den einzelnen Standorten ist nie bekannt geworden. Völlig unerklärlicherweise sind die Standorte Blücherplatz(=AGB) und das Marx-Engels-Forum keiner hinreichend genauen Prüfung unterzogen oder diese nicht bekannt geworden.

Im Parlament sind die Anforderungen an das neue Haus nie diskutiert worden.

Immer ist nur gesagt worden, wir brauchen das und das, und dann 63.oooqm Flächenbedarf!  Dieser ist in noch keinem einzigen öffentlichen Gespräch überhaupt in Frage gestellt worden.Gibt es da etwa eine "politische Masse", sodaß dann umstandslos "Sparen" zur Beruhigung der Öffentlichkeit zugesagt werden kann.

Sind die von den Bibliothekaren und Vertretern der zuständigen Verwaltung festgelegten Parameter jemals in Abhängigkeit vom eventuellen Standort diskutiert worden? Wo ist in diesem Prozeß eigentlich die Oberhoheit des Abgeordnetenhauses geblieben? Das Gesagte gilt auch für die Kostenfrage!

Wer bezahlt das alles? Wir hörten von 250 Millionen Euro für eine um zwei Drittel kleinere Bibliothek in Aarhus. Wie soll das Berliner Projekt dann mit 270 Millionen auskommen? Und dann die Betriebskosten: Auch hier keine Antworten! Wortreich wurde auf die notwendige Funktionalität des neuen Hauses hingewiesen. Ergebnis eventuell vorhandener Berechnungen: unbekannt oder nicht durchgeführt! Noch einmal: Wie ist auch hier das Abgeordnetenhaus eingebunden?

Keine Antworten auch auf die Fragen nach der gesamten Bibliothekssituation in Berlin. Wie soll das Verhältnis der ZLB zu den Stadtteilbibliotheken und diese selbst organisiert sein. Das ist um so unverständlicher, als wir fast täglich von der dramatischen Finanznot der Bezirke hören, sodaß mehr und mehr kulturelle Angebote und Institutionen geschlossen werden sollen. Außer wohlklingenden Absichtserklärungen nichts gewesen. Kosten wohl nicht tragbar?

Alles in allem: Eine von der Tempelhof Projekt GmbH miserabel vorbereitete Propaganda-Veranstaltung einer ebenso miserabel vorbereiteten öffentlichen Verwaltung! Und die Politik fehlte gleich ganz!

"Gerade dieses System von öffentlichen Räumen, dieses, um das Wort von Haussmann zu verwenden, "Labyrinth", erweist sich als vielleicht wichtigstes Element des historischen Stadtzentrums. Es ist so fein vernetzt wie nie wieder in der Geschichte der Stadt, die vor allem aus kurzatmigen ökonomischen Gründen zunehmend gröbere Strukturen hervorbringt; und durch ebendiese feine Vernetzung schafft es nicht nur direkte Verbindungen zwischen den verschiedenen Punkten der Stadt, sondern auch zahllose Gelegenheiten der Begegnungen und damit des zwischenmenschlichen Austausches. Dies macht die alte Stadt zum Kommunikationspositiv: also zu dem, was heute jedes aufgeklärte Privatunternehmen, jede fortschrittliche öffentliche Institution mehr oder minder künstlich zu reproduzieren versucht. Unsere Bildungs- und Arbeitswelt erfindet alle möglichen Apparate und Strukturen, um das Vermögen an Informationen, das sie verwaltet, aber oft mangelhaft verwertet, besser zirkulieren zu lassen.

Die historische Stadt ist ein Modell für vorbildliches 'Knowledge Management'. Genau im Gegensatz zu dem was Le Corbusier unablässig behauptet hat, ist sie eine extrem effiziente Maschine."

Wir danken Herrn Prof. Dr. Ing Vittorio Magnago Lampugnani, ETH Zürich, für dieses Zitat aus seinem Aufsatz: "Kulturgut und Lehrstück. Plädoyer für eine neue Wertschätzung der historischen Zentren unserer Städte". Der gesamte Aufsatz kann in der Wochenendausgabe der NZZ vom 25. Februar 2012 im dortigen Feuilleton auf Seite 25 nachgelesen werden.

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